Freitag, 11. Februar 2011

Das Internet als digitaler Pranger

Hinweis: Der nachfolgende Artikel ist im Rahmen meiner Kolumne "Perspektive 2.0" für die TM 2.0 erschienen:
http://www.hdt-essen.de/htd/tm/kolumne_perspektivezweinull_004.html


Ohne Zweifel sorgt das Internet für einen Informationszugang in einer bislang unbekannten Größenordnung. Informationen werden schneller verteilt, bleiben dauerhaft erhalten und sind verhältnismäßig einfach zugreifbar, z. B. durch Suchmaschinen.

Zunehmend sind Menschen um ihren virtuellen Ruf besorgt – und dies zu recht. Es wirkt schon ein wenig weltfremd, wenn selbst die Tagesschau darüber berichtet, dass Personalverantwortliche immer häufiger im Internet den Werdegang und das Profil von Bewerbern recherchieren. Warum auch sollten sie auf diese wichtige Informationsquelle verzichten?

Inzwischen tut sich eine neue Nutzung des Internets auf: das Internet als digitaler Pranger.

Laut WIKIPEDIA ist ein Pranger
„ein Strafwerkzeug in Form einer Säule, eines Holzpfostens oder einer Plattform, an denen ein Bestrafter gefesselt und öffentlich vorgeführt wurde. […] Die Strafe bestand vor allem in der öffentlichen Schande, welche der Verurteilte zu erdulden hatte und die vielfach ein „normales“ Weiterleben in der Gemeinschaft unmöglich machte oder sehr erschwerte.“

Es folgen einige Beispiele der jüngsten Vergangenheit, die diesem Charakter eines Prangers durchaus gerecht werden.
 „Die Polizei in der indischen Hauptstadt Delhi setzt das soziale Netzwerk Facebook neuerdings zur Jagd auf Verkehrssünder ein. Nutzer können Fotos und Videos von Falschparkern und helmlosen Motorradfahrern auf die Seite der Beamten hochladen. 600 Strafmandate konnten mithilfe des digitalen Prangers bereits ausgestellt werden.“ http://www.focus.de/digital/videos/digitaler-pranger-indische-polizei-jagt-verkehrssuender-per-facebook_vid_19147.html
„In der süditalienischen Großstadt  Bari scheint so mancher Stadtbedienstete bislang eine ruhige Kugel zu schieben. Doch jetzt ist dem Bürgermeister der Hauptstadt Apuliens, Michele Emiliano (51), der Geduldsfaden gerissen: „Basta, es reicht!“
Bürger der Stadt sollen notorische Faulpelze fotografieren, wenn sie sie beim Däumchendrehen erwischen und die Bilder an ihn mailen. Er veröffentlicht sie dann auf seiner persönlichen Seite im Internet-Netzwerk „Facebook".“ 
http://www.bild.de/BILD/politik/2011/01/14/italien-bari-buergermeister-michele-emiliano/blaest-zur-beamten-faulpelz-jagd.html 
„Name, Anschrift, Foto: CDU-Politiker denken laut über einen Online-Pranger für Sexualstraftäter nach. In den USA gibt es solche Datenbanken bereits – und sie sind umstritten.“ http://www.focus.de/digital/internet/internet-pranger-sexualstraftaeter-auf-der-uebersichtskarte_aid_539335.html 
„Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) will mit einem Internet-Pranger gegen falsche und täuschende Kennzeichnung von Lebensmitteln vorgehen.
„Wir müssen dem Etikettenschwindel Einhalt gebieten“, sagte die Ministerin BILD am SONNTAG. Im Frühjahr soll eine Internetseite online gehen, auf der Verbraucher Produkte benennen können, die ihrer Meinung nach nicht das enthalten, was Aufmachung oder Angaben versprechen.“ 
http://www.bild.de/BILD/politik/2010/10/17/bundesverbraucherschutzministerin-ilse-aigner/plant-internet-pranger-fuer-lebensmittel-schummler.html

Der digitale Pranger ist eines der unzähligen Beispiele wie längst bekannte Konzepte von den Vorteilen des Internets profitieren können und sich dort in digitaler Form erfolgreich etablieren.

Pranger geben dem „hilflosen“ Einzelnen die Möglichkeit, Missstände – echte oder vermeintliche – publik zu machen und spontan eine Gemeinschaft von Betroffenen zu mobilisieren. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Instrument nicht bald auch deutlicheren Einzug in die Politik und sonstige Organisationen finden wird, in denen die Diskrepanz zwischen dem Willen der Betroffenen und der Entscheidungen der Führungspersonen immer größer zu werden scheint.

Es wird interessant zu beobachten sein, ob sich tatsächlich dauerhaft spezialisierte Pranger bewähren oder ob es mittelfristig zu einer Art Konsolidierung mit zentralen Prangern (oder Meta-Prangern?) kommen wird; eine ähnliche Entwicklung hin zur zentralen Plattformen konnte man im Internet bei vielen Plattformen – angefangen vom Auktionshaus bis hin zum sozialen Netzwerk – beobachten.

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